Tempel und Tequila

Siem Reap hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer ruhigen Provinzstadt zu einer der wichtigsten Tourismuszentren Kambodschas entwickelt. Auslöser dafür war vor allem die internationale Wiederentdeckung der Tempelanlagen von Angkor, die 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden. Mit dem wachsenden Tourismus entstanden Hotels, Restaurants, Infrastruktur und Arbeitsplätze, was die lokale Wirtschaft stark belebte und viele Menschen aus ländlichen Regionen anzog.

Als ich im Jahr 2004 das erste Mal die Stadt besuchte, war von einem eigentlichen Nachtleben noch nicht all zu viel zu spüren. Die Stadt hinterliess damals eher einen verschlafenen Eindruck.

Heute sieht dies nach rund 20 Jahren deutlich anders aus. Auf unseren Touren durch das ansonsten sehr ländliche und ärmliche Kambodscha erscheint der Hotspot Siem Reap auf den ersten Blick eher als Fremdkörper, die dazugehörige Pubstreet wie eine Blase in einer anderen Welt. 

Bei näherer Betrachtung merkt man aber schnell, dass es in dieser Stadt mit mittlerweile 140’000 Einwohner auch noch ein anderes Leben gibt, als dieses in der Ausgangsmeile im Bereich des alten Marktes. Das tägliche Leben hat sich seit der touristischen Bespielung des Zentrums in die Aussenquartiere verschoben, wo heute auch die meisten Bewohner von Siem Reap leben und den Alltag so meistern wie überall im Land.

Die Pandemie traf Siem Reap damals hart. Die internationalen Ankünfte brachen in den Jahren 2020/21 um geschätzte 80% ein und dies führte zu Geschäftsschliessungen von über 100 Hotels und Restaurants. In dieser Zeit wurde deutlich, wie stark die Region vom internationalen Tourismus abhängig ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie traurig und verlassen sich in dieser Zeit die Ausgangsmeile präsentierte. Die Klänge der kambodschanischen Volksmusik aus der Pubstreet waren für einmal sehr klar wahrnehmbar, versinken heute aber wieder im überlauten Kunterbunt des weltlichen Musikschaffens und wirken leider schon fast etwas deplatziert.

Seit der Zesur durch die Pandemie erholen sich nun die Besucherzahlen wieder stetig und verwandeln den Ort in ein Eldorado der Nachtschwärmer, wie kaum sonst wo in Kambodscha. Einmal genannte Prognosen deuten auf ein weiterhin starkes Wachstum hin, teilweise mit Zielen von bis zu 18 Mio. touristischen Besuchern pro Jahr bis 2035.  Aktuell vermiesen die Streitigkeiten mit dem Nachbar Thailand jedoch solches Streben und wir sehen uns gerade auf der jetzigen Rundreise beim abendlichen Flanieren mit deutlich kleineren Touristenansammlungen konfrontiert, als sonst üblich in dieser Zeit.

Ein Blick zeigt, das Angebot an westlichen Verpflegungsmöglichkeiten scheint zwischenzeitlich fast unerschöpflich. Was gibt es hier mittlerweile nicht alles zu konsumieren und zu kaufen! Wer nur auf westlichen Umsatz setzt, buhlt  um jeden zahlungskräftigen Kunden, sei dies beim Mexikaner, beim Griechen oder Italiener. Allesamt hoffen sie wieder auf bessere Zeiten. 

Auch ein gewisser Überfluss an Massageplätze und Souvenierangebote scheint aktuell zu bestehen. Ganz zu schweigen von den vielen TukTuk‘s, welche liebend gerne ein paar müde Beine mehr in die Hotels fahren würden.

Schön zu sehen, dass sich wenigstens die einheimischen Verpflegungsmöglichkeiten an guter Auftragslage erfreuen dürfen. Die Einheimischen bevorzugen nämlich in der Regel ihre eigene Küche und tragen hierzu bei. Auch westliche Besucher, welche die kambodschanische Küche bevorzugen tun dies ebenso, und wir gehören da definitiv auch dazu.

Pub Street hin und her, bei uns bestimmen alle Reisenden ihre Dosis Partystimmung selber, und für ein paar Tage nehmen auch wir etwas Abwechslung ohne weiteres hin.